Archiv für März 2013

Sendung online!

Hier könnt ihr euch die letzte Kurvenfunk-Sendung anhören.

Die deutsche Übersetzung des Interviews findet ihr ebenfalls hier!

Kurvenfunk: So, wir sind jetzt hier in Babelsberg. Ich sitze hier mit Andrej. Andrej ist Mitglied der „Rebel Ultras“ von Partizan Minsk und wird uns ein wenig seinen Verein und seine Fanszene vorstellen. Das Interview werden wir auf englisch führen. Wir werden die Fragen dann anschließend für euch nochmal ins Deutsche übersetzen, für diejenigen die es nicht verstehen. Dann lasst uns mal anfagen.
Hallo Andrej, schön dich zu treffen. Kannst du uns zu Beginn einen kleinen historischen Abriss über deinen Verein und eure Fanszene geben? Besonders interessant für mich und unsere HörerInnen ist natürlich insbesondere die Zeit von Insolvenz 2011 bis zur Neugründung als Partizan Minsk 2012.

Andrej: Hallo, alle zusammen! Ich versuche mich so kurz wie möglich zu fassen, wenn das geht, denn die ganze Geschichte könnte für euch sehr interessant sein.
Die Geschichte für uns als Fans begann 2003, als sieben Leute anfingen, diesen Verein zu unterstützen. Die ersten die das taten. Die Geschichte unseres Vereins begann 2002, als 2 Vereine, der FK MTZ und der FK Trudovye Rezervy-RIPO zum FK MTZ-RIPO Minsk fusionierten. Bei MTZ handelt es sich um die Minsker Traktorenwerke und RIPO ist ein staatliches Sprachinstitut für höhere Abschlüsse. Die Fusion und Finanzierung wurde durch den litauischen Geschäftsmann Vladimir Romanov gesteuert. Der Verein startete damals in der zweiten Liga, gewann dort aber alle Spiele und stieg direkt in die erste Liga auf.
2003 fingen dann die ersten Leute an, diesen Verein zu supporten, wie ich schon erwähnt habe. Vorher gab es dort keine Fanszene und ein paar Leute mit antifaschistischen Ansichten gingen dort hin und wollten den Verein unterstützen. Das hatte vor Allem den Hintergrund, dass es als linker Fußballfan zu gefährlich gewesen wäre, zu einem anderen Verein zu gehen, weil dort überall rechte Fans das Sagen hatten. 2003 war also der Beginn diesen Verein als AntifaschistInnen zu unterstützen. Von Anfang an war klar, dass diese Fanszene antifaschistisch ist und Diskriminierung jedweder Art nicht geduldet wird. Dieser Weg war damals ein wirklich steiniger. Der Unterschied zu deutschen Fankurven ist der, dass hier in Weißrussland und in ganz Osteuropa die Szene viel gewalttätiger ist. Wenn du dort ins Stadion gehen willst, musst du dafür kämpfen und beweisen, dass du stark genug bist. Wenn du deinen Gegnern nichts entgegenstellen kannst, so dass sie eventuell Angst oder Respekt davor haben deine Leute anzugreifen, dann brauchst du nicht weiter ins Stadion zu gehen. Von Anfang an war also klar, dass du gegen Neonazis kämpfen musst, wenn du bei uns in die Kurve gehst. Viele Leute hatten daher zunächst Angst ins Stadion zu gehen. Es wurden dann aber nach und nach mehr, bis etwa 50 Leute einen Kern in der Kurve bildeten.
Wir hatten am Anfang viele Kämpfe. Viele Kämpfe die wir verloren haben. Aber es geht nicht darum zu gewinnen, sondern immer wieder aufzustehen und auch nach Niederlagen weiterzumachen. Die Leute gaben nicht auf und fuhren weiter zum Fußball. Die Leute fingen an zu trainieren und mit der Zeit wurden wir stärker und fingen an, Kämpfe zu gewinnen. Seit etwa fünf Jahren sind wir nun stark genug. Unsere Gruppe ist auf etwa 150-200 Leute angewachsen und keine rechtsradikale Gruppe aus Weißrussland ist stark genug uns zu zerstören.
Besonders zu nennen ist hier ein Spiel gegen Dinamo Minsk 2008 oder 2009. Das ist unser größter Feind, unser größtes Derby. Ganz einfach, wir sind AntifaschistInnen, sie sind Nazis. Und dieses Derby fand am 9. Mai statt. Das Spiel war besonders wichtig für uns, weil an diesem historischen Datum der Faschismus in Europa besiegt wurde. An diesem Tag waren also auch viele Gäste aus Russland und der Ukraine dabei. Es gab in Stadionnähe einen großen Kampf. Es gab auf der Straße zwar keinen Sieger, aber wir haben diesen Kampf mindestens mental gewonnen, weil die Nazis dort gemerkt haben, dass wir wirklich stark genug sind und keine Angst vor ihnen haben. Das war bei uns der Beginn einer neuen Ära des Fan-, Ultra- oder Hooligandaseins. Du musst in Russland oder Weißrussland einfach kämpfen um zu überleben. Ohne das gibt es keine Ultrashow, keine Choreos, nichts. Danach kamen viele junge Leute ins Stadion und fingen an zu trainieren. So fingen wir an die Fan-, Ultra- und Hooliganszene in Weißrussland mitzubestimmen. Für viele antifaschistische Fans in Russland und der Ukraine, welche uns auch an diesem Tag besuchten, war das ein wichtiges Signal. Sie haben gesehen, was alles möglich ist. 2009 oder 2010 sind wir dann wieder auf die Hauptnazihooligangruppe von Dinamo Minsk getroffen und haben sie zum zweiten Mal besiegt. JedeR hat gesehen, dass die AntifaschistInnen, die sonst jeder hasst, über die gesagt wird, sie seien schwach, sie seien Mädchen, sie seien nichts, zum zweiten Mal die scheinbar besten Hooligans in Weißrussland geschlagen haben. Das haben auch alle anderen rechten Fanszenen mitbekommen und konnten nicht fassen was geschah. Das war eben ein deutliches Signal, vor Allem für kleinere antifaschistische Fangruppen, dass es möglich ist als AntifaschistInnen ins Stadion zu gehen. Steht zu euren Ansichten, habt keine Angst und unterstützt euer Team. So bildeten sich vor Allem bei kleineren Vereinen mehrere kleine antifaschistische Gruppen. 2010 war für uns als Fans also eine gute Zeit, allerdings ging es dann mit unserem Verein bergab.
Der vorhin angesprochenen litauische Geschäftsmann Vladmir Romanov hatte wirtschaftliche Probleme und stoppte die Finanzierung des Vereins. 2011 mussten dann alle guten Spieler verkauft werden und es rückten junge Spieler aus der eigenen Jugend, alle erst 18 oder 19 Jahre alt, nach. Der Verein stieg also in die zweite Liga ab, schaffte aber den direkten Wiederaufstieg. Trotzdem ging der Verein nach dem Rückzug Romanovs nun insolvent. Auch wenn die meisten Fans diesen Verein erst seit wenigen Jahren unterstützen, war er für alle ein Teil des Lebens geworden und niemand wusste, wie er oder sie ohne diesen Verein weiter leben sollte. Es war nicht nur ein Verein, sondern auch ein Symbol für antifaschistischen Zusammenhalt. Viele Leute fingen durch diesen Verein an, keine Angst mehr zu haben und sich aktiv antifaschistisch zu engagieren. Es war also für jedeN von uns und unseren FreundInnen in ganz Osteuropa bewusst, dass dieser Verein erhalten bleiben muss.
Die ersten Leute fingen an eine „Sport Society“ zu gründen, also keine wirtschaftliche Organisation, sondern eine Art Verein ohne Vorstand, wo jeder eintreten kann und gleiches Mitspracherecht hat. Leider ist Weißrussland ein sehr bürokratischer Staat, wo du nicht einfach einen Verein anmelden kannst, ohne dieses oder jenes Papier zu beantragen. Und um am Ligabetrieb teilzunehmen mussten wir den Weg der wirtschaftlichen Organisation gehen, daher gründeten dann zwei Leute eben jene. Wir starteten dann also letztes Jahr in der Minsker Stadtliga, welche der vierthöchsten Spielklasse entspricht. Die Mannschaft setzt sich aus jungen Spieler von 17-19 Jahren zusammen, welche unbedingt für Partizan Minsk spielen wollen, weil wir sie auch nicht bezahlen könnten. Die Spieler sind schon seit der Jugend in diesem Verein, er ist ihnen wichtig und genau solche Spieler wollen wir auch, die für diesen Verein spielen und nicht für Geld. Das ist großartig. Ein großartiges Beispiel dafür war unser Blitzturnier diese Woche bei unserer Deutschlandtournee mit Roter Stern und Chemie Leipzig, als die Spieler, welche bei den Spielen jeweils nicht spielten zu uns kamen und mit uns zusammen die Mannschaft anfeuerten. Viele halten solchen Geschichten für einen Witz, aber dieser Verein besteht weder nur aus der Mannschaft, noch nur aus den Fans. Wir sind vielleicht keine Familie, aber zumindest eine Gemeinschaft. Bei uns ist jeder gleich, kann seine Meinung haben und diese aussprechen, ob sie nun richtig oder falsch ist.

Kurvenfunk: Du hast uns nun also schon mal einen guten Überblick über euren Verein gegeben und wie es eben zur Insolvenz und Neugründung kam. Was genau habt ihr unternommen, um euren Verein zu retten und wie habt ihr diese große internationale Solidarität erreicht? Vor Allem in Deutschland ist euch ja große Solidarität wiederfahren. Wie habt ihr euch also vernetzt und seid ihr ein wenig über diese große Resonanz überrascht?

Andrej: Zu Beginn haben wir einfach versucht Geld herzubekommen, wo es nur ging. Wir haben Geld gesammelt, bei uns und unseren FreundInnen in Russland und der Ukraine, welche zur Bank oder zur Post gingen und uns Geld schickten. Wir haben das Geld unbedingt gebraucht um in der Minsker Stadtliga antreten zu können, um das Stadion zu sanieren usw. Wir haben unsere Kontakte also voll ausgenutzt, um an Geld zu kommen. Der nächste Schritt war dann, international Solidarität einzufordern. Viele von uns und unseren FreundInnen waren schon in Europa bei anderen Vereinen mit antifaschistischen Fanszenen, weil es den Leuten einfach wichtig ist, dass sie als Fußballfans ohne Nazis ins Stadion gehen können. Ich persönlich bin in erster Linie Antifaschist und dann MTZ-RIPO-Fan und war schon viel in Europa auf Demonstrationen wie z.B. der Verhinderung des Naziaufmarsches in Dresden unterwegs. Ich habe also Kontakte nach Prag, Dresden, Berlin und in andere Städte. Das haben viele bei uns und fingen also an, diese Kontakte zu nutzen. Diese haben wiederum andere Kontakte und so kam das Netzwerk in Gang. Und die Leuten fingen an uns ihre Hilfe anzubieten und machten Vorschläge wie sie uns helfen könnten. Da kann ich mich bei allen Beteiligten nur bedanken. Ohne diese Solidarität, die Banner und das gesammelte Geld, hätten wir das alleine niemals geschafft, weil wir auch von der Regierung Steine in den Weg gelegt bekommen haben. Für uns war sehr interessant, was uns alles zugeschickt wurde, weil wir viele auch nicht einmal kannten. Es ist außergewöhnlich und wichtig, dass unsere Anliegen nicht nur bei unseren eigenen FreundInnen zur Sprache kommen, sondern überall, vielen Dank dafür! Und heute sind wir hier und spielen bei dieser Tournee. Vor einigen Jahren hätten wir nicht einmal davon geträumt. Dass wir z.B. jemals gegen Sankt Pauli in ihrem Stadion spielen. Es ist wie in einem Traum. Das kann alles gar nicht möglich sein. Aber das ist es, wenn du wirklich willst und hart arbeitest. Wir genießen das und gehen davon gestärkt wieder zurück. Vielleicht spielen wir ja eines Tages im Europacup wieder gegeneinander, aber das wollen wir eigentlich gar nicht. Die Uefa ist eine Mafia ohne ehrlichen Fußball. Das was wir hier im Moment haben ist definitiv besser.

Kurvenfunk: Kannst du mir abschließend noch die anderen antifaschistischen Fanszenen in Weißrussland vorstellen, welche du vorhin schonmal kurz angesprochen hast?
Und wie bewertest du generell die politische Entwicklung von Fanszenen? Auf eurer Deutschlandreise habt ihr ja sicher gehört, dass in einigen Fanszenen die Nazis stärker und stärker werden und versuchen, andersdenkende Menschen zu vertreiben. Wie denkst du darüber und hast du ein paar abschließende Worte für diese Leute, die immernoch den aufrichtigen Kampf gegen Nazis in Stadien und Gesellschaft führen?

Andrej: Zunächst mal zu den weißrussischen Fanszenen. Die Szene von MTZ-RIPO war die erste, welche sich offen antifaschistisch positionierte. Wir haben immer noch keine Angst vor Nazis und werden weiter beweisen, dass wir stark genug sind, um zu bestehen. Vor allem weil wir nur dem nachgehen was wir lieben, die Nazis hingegen haben nichts als Hass. Nach unserem Vorbild kamen also andere antifaschistische Fanszenen nach.
Besonders erwähnen möchte ich die in Russland, da dort die rechtsradikale Fanszene noch wesentlich gefährlicher und gewaltbereiter ist, als in Weißrussland. Es wurden ein paar Vereine und Szenen durch AntifaschistInnen gegründet. Ein paar existieren leider nicht mehr, aber ein paar gibt es weiter. Zu nennen wäre da vor Allem Karelija Petrozavodsk, sowie weitere Vereine in der zweiten, dritten Liga abwärts. In der ersten Liga ist es dort fast nicht möglich zu existieren, weil dort einfach zu viele Rechtsradikale in den Fankurven sind.
In der Ukraine gibt es eine sehr starke antifaschistische Fanszene, nämlich Arsenal Kiyv. Sie sind im Stadion zwar nicht viele Leute, dafür aber richtig starke. Das ist besonders erwähnenswert, weil beim Stadtrivalen Dynamo, Massen an Nazis zum Fußball gehen. Aber sie haben bis heute überlebt, halten zusammen und geben nichts darauf, was andere ukrainische Fanszenen von ihnen halten.
Zurück zu Weißrussland. Neben MTZ-RIPO gibt es noch sechs, sieben weitere antifaschistische Fanszenen. MTZ-RIPO ist nach wie vor die Nummer 1 in ganz Weißrussland und haben den Ruf als beste Hooligans und Ultras.
Als nächtes zu nennen wäre FK Belkard Hrodnya in Westweißrussland. Sie spielen im Moment in der dritten Liga. Der Verein hat zwar sportlich einige Probleme, aber in der Kurve sind im Schnitt 200 Leute da und sie sind stark genug um dort zu existieren. Es gibt in Hrodnya zwar noch einen Erstligisten, FK Nyoman Hrodnya, welche zwar viel mehr Anhänger haben. Allerdings sind diese nicht stark genug um die Fanszene von Belkard zu gefährden.
Dann gibt es noch Vereine wie FK Rudzensk in der Nähe von Minsk. Das sind junge Leute von MTZ-RIPO, die dort auch ihr eigenes Ding machen. Sie sind zwar noch sehr jung, aber haben bewiesen, dass sie bestehen können.
Dann gibt es noch MOFK Orsha, auch in der dritten Liga, im Norden Weißrusslands. Sie haben um sich rum viele Vereine mit rechten Fanszenen, aber sie existieren bis heute und wachsen stetig.
Dann gibt es noch FK Gorodeya. Die kannte von uns zunächst auch niemand, nachdem alle anderen Vereine irgendwelche Verbindungen zu MTZ-RIPO hatten. Das sind junge Leute, die sich von Anfang an gegen Nazis positionierten. Wir versuchen gerade mit ihnen eine Verbindung aufzubauen, wie mit allen anderen Brüdern und Schwestern von MTZ-RIPO.
Als nächstes gibts noch FK Lida. Dort gibt es eine starke linke Fangruppe, aber eben auch einen starken Naziblock, welche in einem Kampf die AntifaschistInnen aus dem Stadion verbannten. Die linken Fans können im Moment nicht mehr ins Stadion gehen und ihren Verein unterstützen, da sie vor Allem nun auch Repressionen seitens der weißrussischen Polizei ausgesetzt sind. Sie existieren zwar weiter, aber nicht im klassischen Ultrassinne.
Der nächste verein wäre Linko Ivatsevichi. Ein kleiner Verein in der vierten Liga, aber dort gibt es viele junge Leute die den Verein unterstützen.
Und FK Byaroza 2010. Dieser Verein hatte seit jeher eine starke Nazihooliganbewegung. Diese wurde nun aber durch jugendliche Punks und Skinheads aus dem Stadion verdrängt.
Das sind alles Beispiele, dass man sowas erreichen kann, wenn man wirklich will. Diese vielen kleinen Gruppen schaffen es aber vor Allem auch dadurch zu existieren, dass sie alle Verbindungen zur Szene von MTZ-RIPO haben. Wenn wir erfahren, dass eine dieser Gruppen ein Derby gegen einen Verein mit rechten Fans hat, oder wenn sie anderweitig in Gefahr sind, unterstützen wir sie, denn unsere Gruppe ist stark genug, jeden in Weißrussland zu schlagen.
Nun zu der politischen Entwicklung allgemein. In Weißrussland, Russland und der Ukraine ist der Informationsstand scheinbar Ende der 80er, Anfang der 90er stehen geblieben. Man bekommt Informationen lediglich aus der Zeitung. Dort werden natürlich Klischees bedient. Alle Skinheads z.B. wären Nazis, schwarz und weiß einfach. Viele Leute die zum Fußball gehen, denken also, wir sind alles Hooligans, also Skinheads, also Nazis. So kommen Symbole wie das Keltenkreuz und andere Scheiße in die Kurven, weil man das im russischen Fernsehen oder in russischen Zeitungen gesehen hat. Als z.B. der Film „Green Street Hooligans“ erschien, fingen in Russland und Weißrussland auf einmal alle an, weiße Turnschuhe zu tragen. Diese Leute bedienen nur Klischees und haben keine Kontakte nach Westeuropa und wissen daher auch nicht, dass es dort einige Kurven gibt, in denen du als Nazi nicht willkommen bist, weil du Abschaum bist.
Fußball ist einfach bunt. Es gibt verschiedene Hautfarben, Augenfarben, politische und religiöse Ansichten. Man muss einander respektieren. Wenn wir alle zusammenhalten, sind wir stärker und können in kleinen Gruppen was erreichen. Aber in Russland, Weißrussland und der Ukraine ist irgendwo ein Denken verankert, dass man rechts sein muss.
Durch den Aufstieg der Fanszene von MTZ-RIPO kamen wenigstens ein paar Fanszenen mit antifaschistischem Grundkonsens auf und viele Fanszenen versuchten sich komplett von der Politik zu befreien und unpolitisch zu werden. Z.B. in Brest gibt es sogenannte unpolitische Hooligans, welche weder AntifaschistInnen, noch Nazis haben wollen, sondern nur Fußballfans. Meiner Meinung nach, ist das großartig, weil diese Leute verstehen, dass Politik im Stadion nutzlos ist. Dennoch ist diese ganze Geschichte immernoch Grauzone, wie ihr in Deutschland sagt. Es halten sich dort viele Nazis auf und du kannst als AntifaschistIn nicht sagen, dass du kein Bock auf diese Nazis hast. Und wenn du da nichts dagegen sagst, akzeptierst du das. Also sagen viele unpolitische Fanszenen in Russland und Weißrussland über die AntifaschistInnen, die die Nazis nicht akzeptieren können, dass sie sie nicht wollen, weil sie linke Politik ins Stadion bringen würden. Aber keiner dort kommt auf die Idee, dass die Nazis rechte Politik ins Stadion bringen, weil dort eine „Back to the 90s“-Mentalität herrscht. Da sind einfach noch zu viele leere Köpfe.
Noch ein Punkt, den ich ansprechen möchte, ist unsere soziale Verantwortung. Wir haben als Ultras auch schon Spielzeuge, Geld und Klamotten für obdachlose Kinder gesammelt. Außerdem müssen wir zur Zeit Partizanfans unterstützen, welche im Moment im Knast sitzen, weil sie antifaschistische oder anarchistische Ansichten vertreten. Es ist total wichtig, dass wir hier um unsere Freiheit kämpfen, in erster Linie sind wir alles AntifaschistInnen, danach Fans. Fußball ist auch einfach ein Weg gegen die Scheißregierung in Weißrussland zu kämpfen, vor Allem weil du im Stadion über das reden kannst, worüber du willst und was du denkst und nicht die Nachrichten oder Zeitungen. Und im Stadion wirst du gehört. Und es ist wichtig, dass wir als AntifaschistInnen im totalitärsten Staat Europas das tun, weil wir auch am besten wissen, wie wir gegen dieses System vorgehen können. Nazis können das nicht, weil sie zu dumm und zu faul sind. Das sind Versager, die Angst haben und einen Schuldigen suchen. Wir wissen wofür wir kämpfen. Nicht für irgendeine weise Rasse oder so ein Scheiß, sondern für unsere FreundInnen, unsere Familie und unsere Kinder. Ich will, dass meine Kinder eines Tages normal, bei normaler Arbeit aufwachsen. Wenn jeder gleich ist und kein Mensch mehr gefährlich für den/die AndereN ist, egal welche Haut- oder Augenfarbe man hat, oder ob man gepierct oder tattoowiert ist. Das ist eine Frage des Herzens, weil wir alle verschieden sind. Und ich glaube, dass hier viele Menschen aufwachsen und verstehen, dass das richtig ist. Nicht weil es gesellschaftlich vorgelebt würde, sondern weil es aus dem Herzen kommt und die Menschen daran glauben.
Und ich glaube, dass deshalb auch viele Leute zu Partizan kommen, weil man weiß, dass dort kein großes Geld im Spiel ist, sondern dass es ehrlich zugeht. Wenn man mal überlegt. Das eine Spiel sind wir 300-400 Leute, ein Spiel später schon 600-700. Und beim letzten Derby gegen Torpedo Minsk waren auf einmal 1000 Leute da. Am selben Tag fand das weißrussische Pokalfinale statt, wo gerade einmal halb so viele Zuschauer waren. In der Zeitung wurde auf der ersten Seite über uns berichtet. Die Leute merken, dass bei uns echter, ehrlicher Fußball gespielt wird. Geld entscheidet nicht wer gewinnt. Es gibt mittlerweile viele junge Leute, die keine Lust mehr haben Dinamo zu supporten. Ja, sie haben vielleicht Geschichte, spielen erste Liga, spielen immer oben mit, aber das ist nicht interessant, das ist einfach scheiße. Viele Fans sagen zwar was anderes, aber sie sagen nicht die ganze Wahrheit. Viele junge Leute gehen zu Partizan. 10-, 11-jährige, einfach Kinder, Eltern mit ihren Kindern. Und das ist abartig.
Um jetzt mal nach Deutschland zu kommen. Ich habe schon mitbekommen, dass es dort Versuche von Rechten gibt, die Kurven zu unterwandern, wie in Aachen, wo die antifaschistischen Aachen Ultras zum Rückzug gezwungen wurden. Wir haben in Weißrussland ein Internetportal, www.offside-mag.com, wo einer unserer Leute Administrator ist. Diese Seite ist voller guter Informationen. Einfach Fußballnews ohne irgendeinen Scheiß wie Rassismus und Nationalismus. Dort wird einfach über gute Musik, Fußball und die Geschichte von Fanszenen berichtet. Da kriegen wir die meisten Informationen her, weil von uns nicht viele Leute englisch sprechen und wir sonst die Informationen nur aus russischsprachigen Medien beziehen. Deshalb ist es gut, dass uns dieser Mensch informiert und wir Bescheid wissen über Zustände im restlichen Europa.
Leider schaffen es die Nazis europaweit leichter ihre Leute zu ködern. Die Situation in Europa ist schlecht. Es gibt immernoch zu wenig Arbeit, unterbezahlte Arbeit. Die Lebenshaltungskosten sind wesentlich höher, als der Lohn und die Leute, vor Allem die jungen, haben Angst. Und viele gehen dann zu den Nazis, weil die einfache Antworten haben. Die ImmigrantInnen sind schuld. Die Schwulen sind schuld. Jeder ist schuld, du nicht, die Regierung nicht. Einfach jeder, der nicht wie du ist und den du hassen kannst. Und das ist meiner Meinung nach die Antwort darauf, warum die Nazis immer stärker werden. Aber wie die Geschichte schon zeigte, dass ist die dunkle Seite, aber am Ende wird die helle Seite erstrahlen. Wir können nun auch nicht mehr zurück gehen. Der Weg ist lang und hart, aber gerade unsere Geschichte zeigt, dass du etwas schaffst, wenn du es wirklich willst. Frag deine FreundInnen um Hilfe. Alles wird gut, aber ihr müsst hart dafür arbeiten. Und ich denke die guten Zeiten werden kommen, denn wir sind stark und werden immer stärker. Auch dieses letzte Spiel auf unserer Tournee heute zeigt, dass wir stark sind. Die Leuten kommen her und unterstützen das. Ich habe hier hunderte oder tausende gute Leute getroffen, die nicht nur in Fußball interessiert sind, sondern auch in Politik. Leute von verschiedenen Szenen. Ich denke, es wendet sich alles zum Guten, wenn wir so weitermachen und nicht aufhören. Also Leute, hört niemals auf, haltet zusammen, kämpft und wenn etwas schief läuft, morgen läuft es besser. Viel Glück euch, das muss einfach sein. Bleibt menschlich, bleibt euch treu, habt keine Angst und helft euren FreundInnen!

Kurvenfunk: Ich denke, wir sind damit am Ende unseres Interviews angelangt. Zum Schluss darfst du dir noch ein Lied wünschen, welches wir für euch im Radio spielen werden. Hast du irgendeinen Lieblingssong, den du dir wünscht?

Andrej: Also ich persönlich habe in Europa ein zweites Lieblingsteam: Celtic Glasgow. Also wünsche ich mir „i just can‘t get enough“.

Mi., 27.03.2013 Kurvenfunk

Am Mittwoch ist es wieder so weit. Diesmal gibt es neben den üblichen Blöcken ein Interview mit einem Mitglied der „Rebel Ultras“ von Partizan Minsk über dessen Verein und Fanszene im Rahmen ihrer Solitournee durch Deutschland.

Das Interview wird auf englisch laufen, wir werden euch aber eine deutsche Übersetzung auf dem Blog nachliefern.

Informieren könnt ihr euch darüber auch hier:

www.savemtz.blogsport.eu

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